Ziemlich unverfroren – Die Suche nach dem richtigen Wort

Ich sitze vor mehreren weißen Blättern, die einen schlecht lesbaren Schulstempel tragen, und soll mir innerhalb weniger Stunden einen Aufsatz aus dem Ärmel schütteln. Schon bei der Vorstellung verkrampft sich erneut mein rechter Unterarm.

Ich hab diese Mitschüler immer bewundert, die ihren Stift angesetzt und einfach drauflos geschrieben haben. Sie schrieben und schrieben und schrieben – kurzer Blick auf die Uhr – bis sie ihre Wörter zählten und dann eine halbe Stunde vor Schluss die Arbeit abgaben. Völlig unverfroren: Zack, 800 Wörter zu Papier gebracht und fertig.
Ich kann so etwas bis heute nicht.
Ich brauche schon eine gefühlte Ewigkeit, bis ich den ersten Satz geschrieben habe. Dabei geht es nicht einmal darum, was ich im ersten Satz aussagen möchte, sondern vielmehr, wie ich es aussage. Ich kann minutenlang über die passende Wortstellung sinnieren. Manchmal drifte ich dabei gedanklich ab, male am Papierrand kleine Kringel und fange aus Langeweile an, etwas zu essen.
Danach brauche ich wieder ein paar Momente, um meinen eigenen roten Faden wiederzufinden. (Das passiert mir so oft. Sooo oft.)

Der erste Satz ist für mich essentiell: Wenn er stimmt, sprudeln die weiteren Sätze nur so aus meinem Kopf, und ich könnte schreiben und schreiben und schreiben und…. aaaaaber meine Hand ist viel zu langsam und dann hab ich mich doch verschrieben – wo ist der Tintenlöscher? – Was wollte ich doch gleich? Zu spät. Jetzt ist er weg, der tolle Gedanke. Dreieinhalb Sätze später bin ich also schon wieder an demselben Problem wie zuvor.

Besonders schlimm: Wenn mir dieses eine Wort fehlt. Genau DAS Wort, auf das es jetzt ankommt, aber  das mir einfach nicht einfallen will. Es liegt mir quasi auf der Zunge, ich kann es schmecken: ganz leicht und süßlich. Aber es will sich nicht zu Lauten formen lassen.
So ein Problem kann mich schon mal minutenlang beschäftigen. Wenn ich am PC schreibe, habe ich zumindest die Möglichkeit mithilfe umständlicher Google-Suchen dieses Wort zu finden. Auch wenn das meist nur mäßig erfolgreich ist. Aber mitten in der Klausur war es stets ein Horror.
Irgendwann blieb mir immer nichts anderes übrig als auf ein zweitklassiges Synonym zurückzugreifen. (Die Satzmelodie – versaut T_T)

Jedenfalls bin ich bei solchen Aufsätzen immer zum Schluss unter Zeitdruck geraten. Wobei ich zugeben muss, dass ich auch sehr gern einfach während der Arbeitszeit vor mich hingeträumt habe. Das ist auch heute noch so. Ich weiß nicht, ob das an mangelnder Konzentration oder schlicht an Faulheit liegt. Ich hab zumindest immer das Gefühl, dass ich diese Pausen dringend brauche. Dann schalte ich ab und denke an etwas völlig anderes. Für mich ist das wie ein tiefes Luftholen. Erst dann kann ich mich erneut der Suche nach den richtigen Worten widmen. Aus diesem Grund bin ich auch immer mindestens einmal während einer Klausur auf Toilette gegangen. Bewegung, frische Luft, die eigenen Schritte durch den Flur hallen zu hören – das war immer ein kurzer Moment von Freiheit. Für ein paar Minuten dem hektischen, unaufhaltsamen Schaben und Kratzen der Füllfederhalter meiner Mitschüler entfliehen.

Ich bewundere auch heute noch Menschen, die einfach ein Word-Dokument öffnen und drauflos tippen. Sie tippen und tippen und tippen – kurz speichern – ein letzter Satz, fertig.
Völlig unverfroren: Zack, 2000 Wörter, erstes Kapitel abgeschlossen. Mal eben zwischen Pizza bestellen und der Sportschau.
Ich brauche Zeit, um Wörter zu finden, um sie passend aneinander zu reihen, um wirklich das auszudrücken, was mir wichtig ist. Ich bin froh, dass ich nicht mehr diesen Zeitdruck habe wie damals bei den Klausuren. Obwohl mich dieses Suchen nach dem richtigen Wort schon manches Mal fast in den Wahnsinn getrieben hat. Und die Zeit, die es manchmal kostet – ich will gar nicht wissen, wie viel Zeit ich mitunter schon an ein einziges Wort verschwendet habe. In solchen Momenten wünschte ich, ich könnte einfach eines neues Wort erfinden.
Völlig unverfroren: Zack, neues Wort und schon ist mein Problem gelöst.

 

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16 Kommentare Gib deinen ab

  1. bieniblogt sagt:

    Kreativ Klausuren sind sowieso immer der Horror 🙂

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    1. Wem sagst du das 😀

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  2. Kommt mir irgendwie sehr bekannt vor !!!

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  3. hellomynameis1996 sagt:

    Schöner Schreibstil! Sehr bildhaft 🙂

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  4. Eva sagt:

    Danke für diesen kurzen Lesegenuss! Gefällt mir sehr gut. Ich gehe heute meist mit einem Wort, Satzanfang oder einer Idee für eine Geschichte tage- wenn nicht monatelang schwanger. Dann, irgendwann kann ich den Stift aufs Papier setzen. Trotzdem kann auch beim Drauf-Los-Schreiben manchmal etwas sehr Gutes entstehen, das man mitunter selbst nicht erwartet. „Kreatives Schreiben“ in der Schule fand ich aber auch immer blöd, weil schon die Aussicht auf den Rotstift und die spätere Note einen so unkreativ gemacht hat.

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    1. Kreatives Schreiben gab es bei mir leider gar nicht :/

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  5. Ja, das kenne ich auch: Dieser verflixte erste Satz, der die Geschichte zum Fliessen bringt. Joël Dicker meint sogar, es sei der wichtigste Satz eines Romans.

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    1. Glaubst du das auch? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich denke, dass der Anfang durchaus wichtig ist, um den Leser überhaupt zum Weiterlesen zu animieren. Aber ich kann durchaus auch bis zur dritten Seite lesen, um mich einfangen zu lassen. Gleich nach dem ersten Satz aufzugeben, ist eigentlich nicht meine Art.

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      1. Es geht ja auch nicht ums Aufgeben nach dem ersten Satz. Aber ich finde den Gedanken spannend, dem ersten Satz quasi eine programmatische Dimension zu geben. Das ist sicher bei einem Roman von 700 Seiten wie bei Dicker nicht so bedeutungsvoll. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass man in den Übersichten bei WordPress oft nur die ersten 2-3 Sätze sieht, scheint sich eine Investition in den ersten Satz schon zu lohnen. Wobei mir das auch erst bei dieser Diskussion bewusst wurde. Ich fürchte, ab jetzt wird es mir noch schwerer fallen, mit dem Schreiben einer Geschichte in Fahrt zu kommen 😉

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      2. Was die Blogbeiträge betrifft: Auf jeden Fall! Da hat die Überschrift ja auch schon einen hohen Stellenwert. Bei einem Roman reicht es meiner Meinung nach auch, einfach die Kapitel durchzuzählen – an die Überschrift erinnert sich der Leser sowieso nach dem ersten Satz nicht mehr.
        Es kommt wohl darauf an, wofür man schreibt.
        Eine programmatische Dimension klingt spannend, stelle ich mir aber auch sehr schwierig vor…

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  6. Ich weiß ganz genau wie du dich fühlst….;) Ganz gleich gleich was ich auch schreibe, mir ergeht es genauso wie dir. Der Anfang ist für mich das schwerste Unterfangen. Das merke ich bei jeden meiner Beiträge, sowie gerade beim Verfassen meines ersten Romans. Ich kämpfe mit jedem Satz:). Das ist die Bürde des Perfektionismus!:-)
    P.s.: Toller Blog!

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    1. Danke 🙂
      Mir fällt das immer besonders schwer bei meinen Hausarbeiten für die Uni – denn da stehe ich auch noch unter dem Druck, etwas in einer bestimmten Zeit verfasst zu haben – schrecklich. Zum Glück habe ich gelernt, in dieser Hinsicht Abstriche zu machen…

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      1. Folgende Dinge helfen mir bei einer Schreibblockade:
        Instrumentale Filmmusik
        Tee und
        Brainstorming.
        Einfach alles stichwortartig aufschreiben, sammeln und die besten Ideen sortieren. Anschließend alle nacheinander abarbeiten und zu den Ideen Abschnitte schreiben. Oft hilft das:)

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  7. P.S.: Entschuldige die Schreibfehler und das zweite „gleich“. Mein Handy macht manchmal was es will. Verflixte Autokorrektur:-)

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  8. gingerpoetry sagt:

    kenne ich alles sehr gut, was du beschreibst…die Suche nach dem EINEN Wort….ich lasse Texte dann manchmal „brach“ liegen, wie ein Feld, das nicht bestellt wird, damit es wieder fruchtbar wird 🙂 Lese sie bewusst wochenlang nicht nochmal durch und arbeite an etwas anderem weiter. Wenn ich es dann wiieder lese, habe ich oft die Idee, die vorher gefehlt hat.

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    1. Das ist ein guter Ansatz! Ich verpasse manchmal diesen Moment, wo man einfach aufhören sollte… Da brauch ich noch mehr Feingefühl dafür 😉

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