Ein Plädoyer für die Aussagekraft

Der Wecker klingelt. 
Ich stehe auf.
Ich ziehe mich an.
Ich putze mir die Zähne.
Ich gehe in die Küche.
Ich esse mein Frühstück.
Ich gehe aus dem Haus. 
Und plötzlich…!

An dieser Stelle der Geschichte haben die meisten schon ihre erste A4-Seite mit einer Unmenge sinnloser Sätze gefüllt.

Wenn die Handlung erst an dem Punkt, als der Protagonist das Haus verlässt, einsetzt und im eigentlichen Sinn die Geschichte beginnt: Weshalb dann dieser Vorspann, der nichts aussagt, als dass dieser Mensch seinen Morgen genauso langweilig und gleichförmig verbringt, wie alle anderen Menschen auch?
(Nur um zu erwähnen, dass die Figur eine blaue Jeans und ein weißes Shirt anzieht und sich die braunen Haare kämt?)

An welcher Stelle sind diese Informationen relevant?

Welche Aussagekraft haben sie?

Eine Geschichte entsteht im Moment der Veränderung: Wenn etwas passiert, was nicht erwartet wurde. Erst dadurch entstehen Spannung und der Drang, weiterzulesen: Was hat es damit auf sich?
Alles andere ist schmückendes Beiwerk.
Viele gute Handlungen werden jedoch von diesem Beiwerk regelrecht erdrückt.
Sicherlich ist es logisch, dass der Charakter, wenn er morgens aufsteht, auch alle die kleinen Handlungen vollbringt, die wir auch vollbringen, nachdem wir aufstehen und bevor wir das Haus verlassen. Natürlich will niemand den Eindruck entstehen lassen, sein Protagonist wäre ungepflegt.
Aber ist dies ein notwendiger Bestandteil für die Gesamthandlung?
Oder kann sich der Leser dies nicht auch einfach erschließen?

Die Frage ist doch: Was will ich mit dem, was ich hier in Worte fasse, ausdrücken? Welchen Zweck verfolge ich, mit dem, was ich meine Protagonisten tun lasse?

Viele Geschichten werden unnötig in die Länge gezogen, weil Dinge beschrieben werden, die doch alle „erwähnt werden müssen“!
Nein.
Du kannst auch einfach einen Absatz machen und die Dinge als gegeben hinstellen:

Wenn der Protagonist eben noch im Unterricht saß, muss er nicht zwangsweise auf das Schlussklingeln warten, seine Tasche packen, den Spint aufsuchen, am Fußballplatz vorbeigehen und nach Hause laufen.

Unterricht.
[Absatz]
Zuhause.

Und all die unnötigen Worte, die nichts aussagen, hast du dir und deinem Leser erspart.

(Die Farbe der Haare kann man sicherlich auch an einer anderen Stelle einbauen als morgens vor dem Badspiegel.)

Photo by Pixabay

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Da muss ich leider (teilweise) widersprechen. Ich finde es (nicht immer, das muss ich zugeben) ansprechend, wenn ich mich mit dem Protagonisten identifizieren und ihm „nah“ sein kann. Wenn ich mir vorstelle, wie er verschlafen in seinen alten, ausgelatschten Pantoffel ins Bad schlurft, dann bringt mir das ein Stück seines Charakters näher. Ein praktischer Mensch, vielleicht ein Gewohnheitstier. Wenn ich beschreibe, dass er durch die altbekannten Straßen seines Heimatortes läuft, vorbei an der Kirche, die mal wieder einen neuen Anstrich und neue Ziegel bräuchte, an den Vorstadthäusern und dem Fußballplatz, wo sich täglich so viele Kinder tummeln und schreiend umberrennen und sich austoben, dann fühlt es sich an, als laufe ich neben dem Charakter her, als höre ich die Kirchenglocken und die Stimmen der Kinder. Ich kann mir ein immens starkes Bild davon machen, wo die Geschichte spielt und wie normal und alltäglich der Morgen begann, bevor es zu der spannenende Wende kam….

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    1. Danke für dein ausführliches Statement, ich habe Yve eben auf ihren Kommentar geantwortet. Bevor ich mich vollständig wiederhole, hier die Kurzfassung: Ich sage nicht, dass Alltagsszenen keine Berechtigung haben: Wenn sie innerhalb der Geschichte eine konkrete Funktion einnehmen, sind sie durchaus willkommen: Um den Charakter näher zu bringen, um eine Geschichte aus der Vergangenheit einzubinden…
      Ich habe nur leider oft das Gefühl, dass bestimmten Textabschnitten eben diese Intention fehlt. Ich möchte dazu anregen, sich selbst beim Verfassen einer Szene zu fragen: Worauf kommt es mir an? Welcher Textbaustein hat in dieser Szene welche Funktion? Was ist einfach nur überflüssig und zieht die Handlung unnötig in die Länge? (die Betonung liegt auf unnötig 😉 )

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  2. Yve sagt:

    So einen ähnlichen Gedanken hatte ich bei meiner Motorsportgeschichte. Ich muss drei Rennen beschreiben. Beim Ersten haben ich auch das Qualifying mitgenommen, weil ich den Lesern auch etwas aus der Motorsportwelt und den Taktiken ect. zeigen möchte. Beim Zweiten haben ich mich am Ende doch entschlossen nur das Rennen zu schreiben. Beim Qualifying ist einfach nichts relevantes passiert und bis es zu den interessanten Stellen im Rennen kommt, gab es vom Anfang eine Kurzfassung.

    Was die Beschreibung von Alltagssituationen angeht, kommt es sicher auch drauf an wie man es beschreibt.Wie Gedankensammlerin sagt, zeigt es uns etwas über den Charakter. Aber es geht schließlich um das WIE. Und ich gehe mal davon aus, dass du eher die Szenen meinst in denen es Alltag ist und es gleichzeitig auch nichts über den Charakter aussagt.Und das muss wirklich nicht sein.

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    1. Ja, so würde ich es am ehesten zusammenfassen: Es geht um den Alltag, der eben nichts aussagt. Den möchte ich kritisieren. Deshalb auch Plädoyer an die Aussagekraft 😉 wenn die Alltagsszene etwas konkretes darstellt und zum Beispiel einen Charakterzug verdeutlicht, eine alte Erinnerung weckt und somit dem Charakter und damit der Handlung etwas gibt, ist es durchaus sinnvoll so etwas einzubauen. Solche Szenen sehe ich auch als wichtig an, um einem Figuren dem Leser näher zu bringen.
      In diesen konkreten Fällen hat auch eine Alltagszene durchaus seine Berechtigung. Es steckt eben eine Aussage, eine Intention dahinter.
      Ich habe nur oft das Gefühl, dass vieles ohne echte Intention geschrieben wird. Deshalb möchte ich mit diesem Text darauf aufmerksam machen, sein eigenes Schreibverhalten daraufhin zu hinterfragen. Fakt ist, dass viele Geschichten, bevor sie durch ein Lektorat gehen, sehr langatmig sein können. So zumindest ist das meine Erfahrung auf einschlägigen Websites.

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  3. JoWolf sagt:

    Es ist zwar schon eine Weile her, dass ich den Text hier gelesen habe, aber ich kann ihn immer noch unterstreichen 🙂

    Ich möchte Dir noch eine Einladung da lassen: Ich bin zu einer Drabble-Parade nominiert worden und möchte Dich jetzt als nächstes dazu vorschlagen. Ein Drabble ist eine kurze Geschichte aus 100 Wörtern. Ich habe 3 Schlagworte vorgegeben, die darin enthalten sein müssen. Ich habe versucht, bei meinen Nominierungen Personen auszuwählen, von denen ich denke, dass dabei sehr unterschiedliche Stile und Herangehensweisen entstehen. Mich würde interessieren, was Du daraus machst.

    Wenn Du da keine Lust zu hast, ist das natürlich völlig, okay. Es soll ja den teilnehmenden ja Spaß machen. Freuen würde es mich dennoch. 🙂

    Lieben Gruß,
    Jo

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    1. Auch auf diesem Wege nochmal: Vielen Dank! 🙂

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