Das Fenster in eine andere Welt

Ich muss gestehen, dass mir ein Anfang niemals leicht fällt.
Auch bei diesen ersten Worten zögere ich immer wieder, nehme Abstand und lasse das Geschriebene auf mich wirken.
Denn in den ersten Sätzen liegen die Fesseln verborgen, die dich, als meinen Leser, an meinen Text binden sollen.

Dabei bin ich grundsätzlich der Meinung, dass der erste Satz nicht einmal besonders ausschlaggebend ist.
Was sagt ein einzelner Satz aus?
So gut wie nichts.
Würde er einsam und verlassen auf einem sonst leeren Blatt Papier stehen, wäre er völlig belanglos.

Ich möchte ein paar Beispiele geben:
„Es war wieder Abend geworden.“
„Ich blickte auf den Stapel Kartons in meinem neuen Zimmer und wünschte mir, das Internet würde schon funktionieren.“
„In jedem Sommer klärte sich der Himmel über Kyralia für einige Wochen zu einem grellen Blau auf, und die Sonne brannte erbarmungslos auf das Land herab.“

Das ist der jeweils erste Satz dreier sehr bekannter Fantasy-Reihen, die es in mein Bücherregal geschafft haben (dort findet nicht jedes Buch einen Platz, ich bin sehr kritisch mit meiner Auswahl).
Wisst ihr, welche Werke sich dahinter verstecken? Sie stehen alle in jeder beliebigen Buchhandlung jederzeit zum Kauf bereit.

Weder ihre Handlung noch ihr Erfolg lässt sich in diesem einen Satz ablesen. Es sind geradezu belanglose Aussagen.
Keiner dieser Worte verspricht eine aufregende, andere Welt, die uns in ihren Bann zieht und spät in der Nacht das Licht nicht löschen lässt.

Auf den ersten Satz kommt es gar nicht an.

Jene Fesseln, die uns mitreißen, liegen in dem verborgen, was erzählt wird. Es ist der erste Abschnitt, die erste Szene, die uns entscheiden lassen: Weiterlesen? Oder nicht?
Werfen wir nur einen Blick aus dem Fenster oder sind wir bereit, hindurchzusteigen und etwas Neues zu entdecken?
Viel wichtiger als ein einzelner Satz ist das erste Geschehen, das wir schildern.
Und ist es nicht auch genau das, an was wir uns als Leser später erinnern?

Photo by Photo by John-Mark Kuznietsov on Unsplash

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. JoFo sagt:

    So ist es 🙂

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  2. Yve sagt:

    Endlich mal jemand, der das auch so sieht.

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    1. Freut mich, deine Zustimmung gefunden zu haben 🙂 ich habe sowieso des öfteren hier auf verschiedenen Blogs das Gefühl, dass da einige „Klischees“, die das Schreiben betreffen, sehr ernst genommen werden…

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      1. Yve sagt:

        Wahrscheinlich weil es in allen möglichen Schreibratgebern steht und deswegen ja richtig sein muss. Dabei ist es doch gerade interessant, wenn man mal aus dem Klischee ausbricht 🙂

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      2. Wohl wahr. Ich habe erst letztens von einem Ratgeber gelesen, dass man 10.000 Stunden einer Tätigkeit nachgehen muss, um wirklich gut darin zu sein. Ich hab das dann kurz umgerechnet: 10.000 Stunden sind circa 5 Jahre Vollzeit arbeiten (also 40h die Woche), ohne Urlaub. Wenn man wirklich so lange braucht, um in etwas gut zu werden, würde ich ganz schnell die Motivation verlieren, etwas gut machen zu wollen 😛 wer denkt sich denn solche abstrakten Zahlen aus?

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