In der Ruhe liegt die Kraft [Schreibwerkstatt]

Die Altmark.
Unendliche Weiten.
Wir schreiben den 19.03.2017.
Dies sind die Abenteuer zweier Autorinnen, auf dem Weg, sich in der Einsamkeit ausgiebig ihren Geschichten zu widmen.
Viele Lichtjahre von der Zivilisation entfernt, tauchen sie in ihre Welten ein und schwelgen in schriftstellerischer Muße.

Harpe ist ein Dorf, das aus einer einzigen Straße besteht. Aber immerhin jeweils ein Ortseingangs- und ein Ortausgangsschild hat.
Aber keinen Wikipediaeintrag.
Wir schätzen, dass dort mit Sicherheit nicht mehr als fünfzig Menschen leben (wenn überhaupt). Gesehen haben wir nur elf, sowie drei Hunde, ein Pferd und eine Katze.

Einer dieser elf Menschen ist Enno, unser Vermieter. Ihm gehört ein Bahnhofsgebäude, ein großes gelbes Haus, drei Etagen, hohe Decken, Holzfußböden. Es steht ein wenig abseits der Siedlung, ein Schotterweg führt bis vor die Tür.
Rundherum: Alte Gleise und Felder.
Hier, irgendwo im Nirgendwo, widmen wir uns drei Tage lang ganz und gar unseren Geschichten.
Und es gibt wohl keinen besseren Ort dafür.

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Über uns spannt sich ein riesiges blaues Zelt und warm streicht der Wind uns um die Nase. Wir können so weit schauen – so weit: Wie lange es wohl dauert, über diese zwei Felder zum nächsten Waldrand zu gehen? Eine halbe Stunde? Eine ganze? (Wir gehen nicht, das Feld ist schlammig – sonst wachsen den Schuhen Dreckkrusten bis Größe 46.)
Die Luft ist klar und das sehen, riechen und spüren wir.
Im Wald sind wir allein. Stille. Das grüne Moos sticht aus dem alten Herbstgrau wie junges Gift hervor.

Ruhe und Muße bestimmen das Tagesgeschäft.
Wir haben Zeit.
Zeit, uns endlich mal wieder ganz ausführlich von unseren Plänen zu berichten,
uns gegenseitig unsere Figuren näher zu bringen,Charakterzüge zu überdenken, über Schreibblockaden zu debattieren, Plottprobleme auszutüfteln, abwegige Charakterfragen zu beantworten und nicht zuletzt viel und herzhaft zu lachen.

In Erinnerung bleiben Momente, die man nur „dort draußen“ erlebt:

  • Schwarze Straße. Der Blick reicht genau so weit wie der Scheinwerferkegel des Autos. Und unwillkürlich spinnen sich Gedanken von Zombies und kleinen, weißen Mädchen zusammen.
  • Der Dienstagnachmittag-Treff einer Bande Hausfrauen. Lästern, lachen und Backrezepte austauschen. So richtig mit Kaffee, Kuchen und Eierlikör.
  • Der blaue Kachelofen und unsere Bemühungen, das Feuerchen stetig bei Laune zu halten.
  • Straßenlaternen, die so wenig Licht werfen, dass es nicht bis auf den Boden reicht.
  • Das völlig unerwartete Antreffen einer Bekannten – Zufälle gibt es, die gibt es gar nicht.
  • Die Herausforderung, Essen für mehrere Tage zu kaufen, in einem Aldi, dessen Auswahl sich dergestalt zeigte, dass ich jedes Mal mit den Augen das Regal entlang fuhr und dachte: Halt! Hier wird schon die nächste Lebensmittelkategorie angeboten!

 

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Wir haben beide nicht alles geschafft, was wir schaffen wollten. Dennoch sind wir ein gutes Stück vorangekommen und haben die Zeit bestens genutzt. Es geht nichts über eine beste Freundin, die das gleich Hobby mit genauso viel Leidenschaft teilt wie man selbst.

Der Bahnhof Harpe ist für all jene, die in abgeschiedener Ruhe sich Muße und Müßiggang widmen möchten, nur zu empfehlen!

Photos by A. Wendt

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. JoWolf sagt:

    Das klingt echt gut, eure Aktion an sich genauso wie der Asutragungsort mit Bahnhof Harpe und allem drumherum. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Es waren auch drei großartige Tage. Ich möchte auf jeden Fall noch ein weiteres Mal dorthin! 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. JoWolf sagt:

        Verstehe ich gut, wirkt auf mich auch anziehend. 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Roland sagt:

    Verwunderlich, dass der Ort bei solch einem großen (und ausnehmend hübschen) Bahnhof keinen Wikipediabeitrag hat. Aber dieser Artikel ist ja fast schon einer, nur besser! 😊

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke 🙂 Ja, ich habe mich auch gefragt, wie das alles zusammenpasst. Die Straße im Dorf ist asphaltiert, zum Bahnhof die jedoch nicht. Dabei fuhren bis vor elf Jahren dort auch noch Züge vorbei… Vielleicht war der Ort früher größer?
      Da meine Freundin und ich beschlossen haben, dort auf jeden Fall erneut einzukehren, könnte man ja auch ein wenig Recherche dazu betreiben 😉

      Gefällt 1 Person

  3. Eva sagt:

    Oh, Heimat! Schöner Beitrag.

    Gefällt 1 Person

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