10.000 Stunden?!

Immer wieder lese ich, dass es, um wirklich gut in etwas zu sein, mindestens 10.000 Stunden Übung braucht. Das sind täglich drei Stunden intensives Üben jeden Tag über zehn Jahre verteilt.
Halleluja.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, wenn ihr diese Zahlen hört, aber für mich ist das unfassbar demotivierend. Werde ich wirklich erst in zehn Jahren gut genug sein, um ein Buch schreiben zu können? Um damit auch ein bisschen Erfolg zu haben?

Ich bin überzeugt davon, gut genug zu sein, um ein Buch zu schreiben.
Ich hatte den Traum, die Geschichte in meinem Kopf zu Papier zu bringen schon mit 13 – und scheiterte. Scheiterte mit 15, mit 16 und mit 19. Jedes Mal merkte ich: Ich bin noch nicht reif für das, was ich mir im Ergebnis wünsche.
Was für Außenstehende vielleicht nach fehlender Disziplin aussieht, ist für mich Teil des Weges, den ich gehen musste.
Ich habe nie aktiv das literarische Schreiben geübt. Wahrscheinlich habe ich im Vergleich zu vielen anderen Jungautoren relativ wenige Texte in meiner Schulzeit produziert. Dennoch schreibe ich heute anders als damals. Und heute weiß ich, dass ich meinem eigenen Anspruch gewachsen sein werde.

10.000 Stunden habe ich dafür nicht geübt.
Die 10.000 Stunden-Regel stellte 1993 der Kognitionspsychologe Anders Ericcson auf. Er untersuchte die Leistung von Musikstudenten und stellte fest, dass jene, die schon im Kleinkindalter begonnen hatten, ein Instrument zu spielen, es durch die hohe Anzahl an Übungsstunden zu den Besten in ihrer Klasse geschafft hatten.
Inzwischen gibt es jedoch mehrere Studien, die die 10.000 Stunden-Regel widerlegen. Unter anderem beobachtete man Schachspieler, die schon nach 3.000 Stunden es zur Meisterschaft gebracht hatten, andere nach erwarteten 10.000 Stunden und einige nach 25.000 Stunden Übung dennoch über ein Mittelmaß an Leistung nicht hinauskamen.

Woran liegen diese Unterschiede?
Hinter der 10.000 Stunden-Regel steckt die Annahme, dass Begabung eine Frage der Übung und damit erlernbar ist. Mit Ausdauer und Fleiß kann demnach jeder in seinem Gebiet die Meisterschaft erreichen. Unabstreitbar sind dies wichtige Eigenschaften, um in etwas wirklich gut zu werden.
Das allein reicht jedoch laut anderer psychologischer Theorien nicht aus. Es kommt immer auch darauf an, welche Veranlagung die Person mitbringt. Talent hat man oder hat man eben nicht.

Wenn wir uns nun dennoch an die 10.000 Stunden-Regel klammern, gilt es folgendes zu beachten: Die Untersuchungen beziehen sich auf das Übungspektrum von Kindern, die Anfang 20 ihre Meisterschaft erreicht haben. Mozart hat schon als kleines Kind angefangen, intensiv mehrere Musikinstrumente zu spielen. Tatsache ist, dass er niemals so gut geworden wäre, hätte er erst im Jugendalter damit angefangen.
Um Meisterschaft in 10.000 Stunden zu erreichen, hätten wir also bereits schon als Kleinkinder anfangen müssen, uns in unserer Disziplin zu üben.

Aber warte mal… Haben wir das nicht alle längst?
Immerhin lernen wir schreiben schon mit 6 Jahren und haben 9, 10 oder gar 12 (13) Jahre in der Schule damit verbracht, Texte zu verfassen. Man kann argumentieren, dass das nicht immer literarische Texte waren, die wir produzierten. Dennoch ist eine Entwicklung in Ausdruck, Wortwahl, Satzbau, Grammatik und Rechtschreibung während der Schulzeit unverkennbar!

 

Ich denke, jeder hat im Gefühl, wann er bereit ist, eine Geschichte zu schreiben, oder ob er damit noch ein wenig warten und mehr üben sollte.
Letztendlich gibt es keine Meisterschaft im Schreiben. Woran sollte diese gemessen werden? An Wortzahlen, Verkaufszahlen, Veröffentlichungen?
Schreiben ist ein dauerhafter Lernprozess, der nie endet. Wer aufhört zu schreiben, bleibt stehen.
Von daher wünsche ich jedem, niemals die Meisterschaft zu erreichen 😉

Meine Aussagen werden u.a. durch diesen Artikel belegt.

Eure Alex

Advertisements

15 Kommentare Gib deinen ab

  1. Finde ich aber auch total Quatsch. Jeder brauch anders Übung. Ich habe mit 19 angefangen zu schreiben. Zwischenzeitlich drei Jahre pausiert und eine menge Wettbewerbe gewonnen. Zeichnen tue ich seit ich klein bin und habe fünf Jahre pausiert und habe bis heute nie damit Erfolge bringen können. Entweder man ist in etwas Gut bzw hat Talent oder nicht. Übung hilft, macht aber nicht alles aus. Man brauch auch Talent.

    Gefällt 2 Personen

    1. Sehe ich auch so! 🙂 Deine Erfahrungen sind wirkliche ein anschauliches Beispiel, dass es auch ganz anders geht!

      Gefällt mir

  2. ein Gitarrist den ich sehr schätze … spielt tatsächlich jeden Tag zwischen 3 und 5 Stunden … der würde diese Regel bestätigen …

    es gibt aber auch faule Hunde … *flöööt* die machen nur … was ihnen SPASS macht … und die kann man sich auch ganz gut anhören … 😉

    Gefällt 2 Personen

  3. Hey Alexandra,
    was für ein schöner Artikel!
    Ja, ich denke, dass viel Schreiben und vor allem viel Lesen einen vorwärts bringt. Allerdings glaube ich nicht, dass das an einer einheitlichen Zahl bemessen werden kann.
    Immerhin sind wir Menschen allesamt anders veranlagt. Jeder schreibt, fühlt und denkt anders. Wir durchleben Geschichten und Wege ganz anders, als der nächste neben uns. Was nicht bedeutet, dass der eine Text besser oder schlechter ist.
    Ich denke vor allem beim Schreibprozess, ist kaum ein Ende in Sicht. Irgendwie entwickelt man sich immer ein Stück weiter. Schließlich lebt der Text durch die Erfahrung und das Leben des Autors. Immer ein Stück weiter. Die Texte wachsen mit ihrer Zeit und reifen heran. Wie ein gutes Musikstück. Wie ein künstlerisches Werk.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg,
    Alles Liebe,
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Sarah,
      Ja, du bringst es auf den Punkt, der Schreibprozess endet nie. Von daher üben wir alle – und zwar immer, bei jedem Satz, den wir schreiben 😉
      Liebe Grüße, Alexandra

      Gefällt 1 Person

      1. Das stimmt, total. Man sollte nicht den Fehler machen und nach einem Erfolg im Prozess stehenbleiben. Immer weiter an sich tüfteln und über sich hinauswachsen 🙂

        Gefällt 1 Person

  4. Im Schachspiel kenne ich mich aus.
    Es ist mein Haupthobby.

    Es braucht definitiv geraume Zeit, bis man einen Level erreich hat. Ob es 10.000 Stunden sind?
    Ich jedenfalls hatte als Schachspieler 2 Sprünge: Ich schien von einem Tag auf den anderen plötzlich deutlich mehr zu verstehen. Vielleicht war das stete Bemühen der Grund, daß der Knoten zweimal geplatzt ist.
    So wird glaube ich ein Schuh daraus – mit den 10000 Stunden. Man muß den Raum shcaffen für das EVENTUELLE sprunghafte Vorwärtskommen.
    Entwarnung! Auch vom Schach her kenne ich bei anderen das Phänomen, daß es dennoch recht schnell gehen kann, dann ist es aber Fügung.
    Die angeblichen 10000 Stunden sollten Dich nicht beunruhigen. Du wirst schon vorwärtskommen und Du bist vermutlich schon jetzt ziemlich gut. Man sollte einen Weg in kleinen Etappen sehen.

    Mensch, ein interessantes Thema!

    .

    Gefällt 1 Person

    1. Das ist eine sehr spannende Erkenntnis! Ja, ich glaube, es ist öfter so, dass man quasi auf sprunghafte Erfolge hinarbeitet. Wenn ich so an meine eigenen Erfahrungen zurückdenke…
      Danke für deine lieben Worte! 🙂

      Gefällt 1 Person

  5. Guten Morgen Alex,

    tolles Thema! Über diese Richtlinie mit den 10.000 Stunden habe ich auch schon öfter gelesen.

    Ich glaube auch nicht, das man diese so einfach anwenden kann. Ich finde lesen und recherchieren gehört auch zum Lernprozess. Auch wenn ich in der Arbeit sachliche Texte schreibe, übe ich doch zumindest Rechtschreibung und Zeichensetzung.

    Oft geht es mir so, das ich mich bei Sachtexten sehr zurückhalten muss. Ich denke oft, wenn das ein literarischer Text wäre würde ich das so und so machen. Den Satz umstellen oder eine meiner geliebten Ellipsen verwenden.

    Wenn man all diese Übungsstundem, ob aktiv beim Schreiben oder passiv beim Ansehen einer Buchverfilmung, einer Autoren-Talkshow… zusammen nimmt kommt man schnell auf viel Zeit. (Bloggen zählt doch auch oder?)

    Liebe Grüsse

    Laura

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Laura,
      Ja, das denke ich auch: Wenn man an etwas Interesse hat, beschäftigt man sich unterbewusst verdammt oft damit und gestaltet auch seine Freizeit entsprechend. Für mich ist das Bloggen auf jeden Fall auch eine Übung, schon allein das regelmäßige posten von Beiträgen ist ein erstes Training, später auch regelmäßig an meinem Buch zu schreiben 😉

      Gefällt mir

  6. 10000 Stunden? Das wären also ca. 416 Tage, etwas mehr als ein Jahr. Rechnet man in Sachen Schreiben die Vorbereitungszeit (beim Abwaschen, Blumengiessen, Spaziergängen, Diskussionen, Bloggen…), das Schreiben an sich, das Überarbeiten, hat jede/r diese Vorgabe bestimmt locker geschafft.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Marianne,
      ganz so einfach kann man das wohl nicht denken. Bei 416 Tagen hast du mit 24 Stunden am Tag gerechnet – das ist unrealistisch, jeder muss ja auch schlafen. Allein bei 8 Stunden am Tag kommt man auf 3,5 Jahre. Dazu kommt, dass die meisten arbeiten und das Schreiben zusätzlich leisten. Da jeden Tag im Jahr auf 3 Stunden zu kommen, neben allem, was der Alltag und Job von einem so abverlangt, ist meiner Meinung nach schon eine Leistung. Und dann wäre man bei 10 Jahren.

      Die Expertiseforschung geht ja auch von einem intensiven Üben der Tätigkeit aus – von daher würde ich lediglich das konkrete Schreiben als Übung auffassen und nicht auch das Gedanken machen und Plotten. Ich kenne es nur zu gut von mir, dass ich mir im Kopf denke: Tolle Szene, tolle Formulierung! Und dann steht die auf Papier und ich muss feststellen, dass das doch nicht so toll war.
      Aber wie aus dem Beitrag sicherlich deutlich wurde, bin ich so oder so kein Fan von dieser Herangehensweise.
      Liebe Grüße, Alex

      Gefällt mir

  7. Vanessa Glau sagt:

    Eine gute Erkenntnis, haha! Wenn Meisterschaft bedeutet, dass man nichts Neues mehr lernt, dann brauche ich die auch nicht unbedingt. Was mir am Schreiben so gut gefällt, ist unter anderem auch, dass es kein Ende gibt. Es gibt immer mehr zu lernen, zu lesen, zu entdecken und auszuprobieren!

    Aber ich bin auch der Meinung, dass Übung wichtig ist, das sind wir hoffentlich alle. Außerdem würde ich noch sagen, dass es auf die Qualität der Übung ankommt. Wenn du zB immer nach demselben Schema vorgehst und keine Experimente wagst, wirst du dich wenig bis gar nicht weiterentwickeln. Inzwischen mag ich es sogar, Geschichten zu analysieren, weil dieses Verständnis das Leseerlebnis sogar besser macht (gut, das ist vllt nicht für jeden was). Ich denke, diesen Aspekt sollte man auch bedenken, bevor man so eine allgemeine Aussage über x Stunden trifft … 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Vanessa,
      ja, die Qualität der Übung spielt auf jeden Fall eine wichtige Rolle! Und gerade dafür finde ich Inspiration von außen so wichtig – schauen, wie andere das machen und dann sich selbst daran versuchen 😉
      Danke für deinen ausführlichen Kommentar 🙂
      LG Alex

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s