Der Schein trügt

Wenn wir schreiben, wollen wir eine glaubhafte Geschichte erzählen. Der Leser soll davon überzeugt sein, dass die Dinge so sind, wie wir sie in unserem Buch erscheinen lassen. Dazu ist es wichtig, das Geschehen plausibel darzustellen. Zum Schluss soll alles zusammenpassen.
Das scheint jedoch nicht immer einfach zu sein.

Wir schreiben bis tief in die Nacht und haben scheinbar einen richtig guten Text verfasst: Von fliegenden Inseln, sterbenden Untoten und geheimnisvollen Lichtwesen.
Doch dann liegen wir im Bett und fragen uns im Schein des Mondlichts:
Ist das glaubhaft?

Allem Anschein nach ist es nicht einfach, Wahrheit vorzutäuschen. Vorsicht scheint geboten. Deshalb greift man eher zu vagen Formulierungen – da kann man ja scheinbar nichts falsch machen, oder?
Dabei kommt es jedoch schnell zu so scheinheiligen Sätzen wie:

Die Balken schienen sich unter ihm zu biegen.
Ihr schien die Sache nicht richtig vorzukommen.
Er schien einen Schein dafür zu brauchen.

Anscheinend ist daran nichts falsch, doch schaut man genauer, fragt sich:

Biegen sich die Balken – oder tun sie es nicht?
Kommt ihr die Sache nicht richtig vor – oder doch?
Braucht er einen Schein – oder braucht er ihn nicht?

Wie es scheint, führt diese Vorsicht zu Formulierungen, deren Sinnhaftigkeit mehr Schein als Sein ist. Sie erwecken den Eindruck, dass der Autor von dem, was er da schreibt, scheinbar nicht überzeugt ist. Und wenn der Autor es nicht ist – wie soll es dann der Leser sein?
Um also Licht ins Dunkel zu bringen, scheint es sinnvoller, das Scheinen der Sonne zu überlassen und im Text besser darauf zu verzichten.

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. stiftundfederblog sagt:

    Du schreibst oft in einem Stil, der glatt in ein leicht verständliches Sachbuch passen würde. Hast du schon einmal daran gedacht dies alles zu bündeln, zu einer kleinen Anleitung zum Thema Schreiben und Kreativität?

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    1. Hallo, so richtig habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Einfach weil ich das Gefühl habe, selbst noch eine Menge lernen zu müssen und es noch so viel zu entdecken und zu erklären gibt… Wenn, dann sollte so ein Werk ja auch eine gewisse Vollständigkeit haben 😉 Aber lieb, dass du so denkst, das zeigt mir, dass das wohl doch recht informativ sein muss, was ich da farbiziere. Danke!

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  2. simonsegur sagt:

    Diese Gedanken scheinen mir absolut richtig 🙂 Mit Dank und Grüßen!

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  3. Wenn ich das Wesen einer Erscheinung nicht gut in Worte gefasst zu haben glaube, dann verwende ich solche Abschwächungen. Es ist manchmal unmöglich, auf das richtige Bild zu kommen.Man ist verloren. Also verwendet man eine Annäherung.

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    1. Um etwas diffuses, nicht greifbares in Worte zu fassen, kann man sicher auf solche Formulierungen zurückgreifen. Mir ist nur aufgefallen, dass manche sehr häufig zu „scheinen“ und seinen Ablegern greifen, obwohl es dazu keinen Grund gibt.

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      1. In (populär)-wissenschaftlichen Abhandlungen ist mir das sogar wiederum angenehm. Zu vorschnell werden nämlich manchmal Analogieschlüsse gezogen, so als läge die Sache klar auf der Hand. Dabei, so zeigt sich immer wieder, gibt es zig andere Erklärungen, die in Frage kommen.
        Ich staune manchmal, wie schwer es ist, etwas wirklich zu beweisen und „dinghaft“ zu machen.

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  4. Katharina sagt:

    Klingt nach einem sinnvollen Tipp! Es schleichen sich ja immer wieder kleine Füllwörter ein, die eben nichts tun außer zu füllen (wie der Name sagt) oder für Verwirrung zu stiften 😀

    LG Katharina
    #KBiS17

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    1. Hallo Katharina,
      ja, Verwirrung ist genau das, was ich empfunden habe, als ich letztens einen Text auf einem Blog hier las, in dem das Wort „scheinen“ etwas zu häufig vorkam. Das hatte mich auch dazu angeregt, diesen Beitrag zu schreiben. 😉
      LG Alex

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