Wie viel Action braucht ein gutes Buch?

Aufregend soll es sein, die Seiten nur so dahin fliegen, der Leser mitfiebern bis zum letzten Wort! Schaut man sich bei den Buchbloggern um, ist Spannung das wohl ausschlaggebendste Kriterium für eine gutes Buch. Wer will da schon vorsätzlich langweilig sein?

Vor einiger Zeit habe ich einen Beitrag zum Thema Freundschaft von Romanfiguren geschrieben und ausdrücklich darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, einer Freundschaft Zeit zu lassen, um sie auch glaubwürdig darzustellen.
Zeit, die der Autor unter dem Zwang zum spannungsgeladenen Schreiben eigentlich nicht hat. Aber ist das wirklich alles, was eine gute Geschichte ausmacht?

 
Ich denke, dass nicht nur die Figuren, sondern auch der Leser in einer guten Geschichte ab und zu Luftholen müssen. Gute Spannung baut sich langsam auf. Hetzen die Figuren zwischen zwei Seiten von einer Katastrophen zur nächsten, bleibt das Spannungslevel oft gleich und eine Steigerung ist schwieriger darzustellen. Der Höhepunkt wird vom Leser dann kaum noch als solcher wahrgenommen.
Mal ganz abgesehen davon, dass eine solche Geschichte schnell an Glaubwürdigkeit verlieren kann: Der Alltag der Figuren bleibt bei diesem Spannungsterror sicherlich auf der Strecke.
Dabei sind gerade solche Szenen wichtig, um die Figuren dem Leser näher zu bringen. Die liebste Kaugummisorte, eine gigantische Zombiefilmsammlung, oder das nervöse Ziehen am rechten Ohrläppchen – für all diese Sympathieträger ist in einer anhaltenden Verfolgungsjagd wohl kaum Zeit. Aber auch Freundschaften und Konflikte unter den Figuren können nur in solchen Zwischenphasen zur vollen Entfaltung kommen.

Langweilig muss es dennoch nicht werden. Anstatt schon wieder die Figuren mit einem spontanen Schurkenangriff beim Mittagessen zu stören, kann man auch anderweitig dem Leser die Sprache verschlagen. Fetzige Dialoge und spaßige Unternehmungen können dem Leser ein Schmunzeln entlocken und die Auszeit gemeinsam mit den Figuren genießen lassen. Aber auch traumhafte Landschaften, außergewöhnliche Tiere und Eigenheiten von Land und Leute (wofür hat man das alles denn entworfen und recherchiert?), können den Leser fesseln und beeindrucken.

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein packendes Kapitel aus Der Name des Windes von Patrick Rothfuss, in dem man den Protagonisten Kvothe bei einem Musikwettbewerb in eine Kneipe begleitet. Rothfuss schafft es, das Lautenspiel so atemberaubend und schön zu beschreiben, dass man meint, selbst dabei zu sein.
Und ist es nicht das, um was es eigentlich geht? Die hiesige Welt zu vergessen und in eine ganz andere einzutauchen?

Eure Alex

Photo by Pixabay

Advertisements

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Aaaah… Der Name des Windes… 😍
    Bei mir steht und fällt ein Buch mit den Charakteren. Da lese ich sogar Fortsetzungen langweiliger Bücher, wenn mir die Haupfiguren ans Herz gewachsen sind.
    Andererseits kann ein Buch super spannend geschrieben sein… Wenn mir die Figuren egal sind langweile ich mich selbst bei Verfolgungsjagden. 😉

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich habe das ganz oft bei klassischer Literatur. Meist wird die auch nicht von Action getragen, sondern von den Figuren. Wenn man da nicht auf die sozialen Feinheiten achtet, wirkt auch alles nur langweilig 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Nemeryll sagt:

    Ich kann mich noch an einen Roman erinnern, in dem die Handlung von einem Handgemenge in die nächste epische Schlacht und/oder Duell von unsagbarer Tragweite schlingerte. Das war gut geschrieben, strengte mich irgendwann aber nur noch an. Bei mir sind es auch oft eher leise Szenen, die mich an ein Buch binden, auch wenn ich hin und wieder ein wenig Action nicht missen möchte. Wie bei allem heißt es hier: Die Mischung machts.

    Gefällt 1 Person

    1. Stimmt, diese leisen Szenen empfinde ich auch oft als emotionaler 🙂

      Gefällt mir

  3. Ich find es wunderbar, dass du „Der Name des Windes“ in dem Zusammenhang genannt hast, weil das für mich ein fantastisches Beispiel dafür ist, dass man auch ohne Explosionen und möglichst viel Mord und Totschlag durch ein Buch fiebern kann, wo es nicht langweilig wird!

    Gefällt 1 Person

    1. Ich liebe die Geschichte auch über alles! Kennst du den kleinen Zusatzband aus der Sicht von Auri? Das ist so faszinierend, wie wirkungsvoll das Buch ist, obwohl kaum etwas passiert!

      Gefällt mir

      1. Oh ja, ich hab auch vor ein Paper drüber zu schreiben, weil ich die Erzähltechniken so unglaublich faszinierend finde, The Slow Regard Of Silent Things ist ein wirklich ungewöhnliches Fantasy-Buch, das hat man nicht sehr oft!

        Gefällt 1 Person

  4. EinThema, das mich selbst gerade umtreibt. Auch ohne das angeführte Buch zu kennen, habe ich einen Gedankenstups mitgenommen. 🙂

    Gefällt mir

  5. Eileen Blander sagt:

    Und da ist es wieder.
    Spannung ist eben nicht das gleiche wie Action.Nicht nur wilde Kamerafahrten, Explosionen und schnelle Schnitte erzeugen Spannung.
    Ich glaube, jede emotionsgeladene Szene vermittelt Spannung.
    Gestern habe ich J.K. Rowlings „Harry Potter und der Stein der Weisen“ wieder einmal gelesen. Es ist sicherlich keine actionreiche Szene, wie Harry das Fotoalbum mit Bildern seiner Familie bekommt. Aber sie ist emotional. Und deswegen hat sie ihren Platz im Buch verdient, wie ich finde.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s