Ein dreidimensionaler Charakter

am

Charaktere brauchen Tiefe, heißt es immer.
Damit der Leser sich ein Bild machen kann.

Was genau bedeutet Tiefe?
Tiefe im Kontext räumlicher Darstellung hieße, etwas Dreidimensionales zu schaffen.
Wer gut in Origami ist, kann das ja mal versuchen.
Meistens sind Texte jedoch nur zweidimensional: Sie spannen sich vom oberen Seitenrand zum unteren und vom linken Zeilenende zum rechten.
Wie tief die Druckerschwärze ins Papier eindringt, kann an dieser Stelle sicherlich vernachlässigt werden.

Was bedeutet es dann, einen tiefgründigen Charakter zu erstellen?

Einschlägige Charakterbögen helfen dabei gern weiter.
Meist lassen sich deren Fragenkatalog in zwei Aspekte unterteilen: Äußerlichkeiten und Innerlichkeiten.
Erstere umfasst dabei so wichtige Punkte wie die Schuhgröße, Höhe des Gehalts (brutto und netto), die Anzahl von Leberflecken in Abhängigkeit zur Körpergröße und den Geburtstag der Urgroßmutter.
Unter Innerlichkeiten werden unter anderem Lieblingsfarbe, Lieblingsessen, Lieblingssport, Lieblingskleidungsstück und Lieblingshunderasse sowie Hassfarbe, Hassessen, Hasssport, Hasskleidungsstück und Hasshunderasse aufgeführt. (Motivationen, Einstellungen, Wünsche und prägende Ereignisse seien hier nur am Rande erwähnt.)

Trotz dieses immensen Umfangs an Fragen, über deren Antworten wir nachgedacht, gegrübelt und meditiert haben – und zum Schluss dennoch dran verzweifelt sind, bleibt ein großes Problem bestehen:
Es sind eben nur zwei Aspekte des Charakters, die wir bearbeitet haben (Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten).
Wo bleibt die dritte Dimension, die jene ominöse Tiefe nun eigentlich ausmacht?

Es ist das Handeln des Charakters innerhalb der Geschichte.
Hier eröffnet sich der dreidimensionale Raum: Die geheimnisvolle Welt, durch die sich unser Charakter bewegt, in der er Entscheidungen trifft, Abenteuer erlebt und die Menschheit vor dem Untergang rettet.

Fazit: Auch wenn unser Charakterbogen inzwischen zwanzig Seiten umfasst: Wirkliche Tiefe erfährt ein Charakter erst im Rahmen seiner Handlungen.

Charakterbögen bieten eine Grundlage, um die Entwicklung eines authentischen Charakters anzuregen. Eine vollständige Bearbeitung aller Punkte – von Wohnsituation über Morgenroutine bis hin zum Beruf des Vaters – halte ich für überflüssig.
Wichtig sind jene Aspekte, die auch für die Handlung relevant sind.
Denn letzten Endes kommt es darauf an, wie sich der Charakter in der Geschichte darstellt.
Und das erfährt man erst im Moment des Schreibens.

Wer Inspiration für eine detaillierte Charaktererstellung sucht, dem kann ich die Charchart empfehlen.

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. JoWolf sagt:

    Wieder sehr informativ, danke schön! 🙂

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    1. Ich habe zu danken 🙂

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  2. texte-jon sagt:

    Ich teile diese Ansicht vollkommen. Äußeres ist nur in dem Maß wichtig, in dem es Einfluss auf Status und Handeln der Figur hat. Mit Status meine ich, wie die Figur von der Umgebung wahrgenommen wird, denn das prägt, wie mit/an der Figur gehandelt wird, und dies wiederum beeinflusst deren Handeln. In diesem Sinne kann das Äußere der Figur auch als „Bildelement“ für den Kopfkinofilm des Lesers von Belang sein, denn auch der Leser begegnet einer puppenhaften Schönen anders als einer grauen Maus, einem schiefzähnigen Strubbelbarträger anders als einem adretten Anzugträger.
    Viel von dem, was in den üblichen Charakterblättern abgefragt wird, ist reine Dekoration oder ein kleines Bonbon (z. B. wenn der an sich stille, eher unsichere Typ auf ACDC steht), das eine „zu stimmige“ Beschreibung ein bisschen aufbricht. Deutlich relevanter als die meisten dieser Details sind „Mentalität“ und Vorgeschichte der Figur …

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    1. Ja, die Vorgeschichte ist in vielen Fällen sehr bedeutsam. Überhaupt ist die Entwicklung des Charakters ein wichtiges Element, um realistisch und glaubwürdig zu wirken.
      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!

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  3. Das riecht ja mächtig nach Arbeit.
    Mein Problem beim Lesen ist, mir die Charkterdetails zu merken. Wie schafft man es, daß der Leser die wichtigsten Züge „verinnerlicht“.
    Dann kommt noch etwas Weiteres dazu: Die meisten Personen sind ja schillernd: Sie können sich z.B. reaktionär und dann wieder liberal äussern, fast zu gleichen Sujet – ohne das villeicht zu merken.
    Heiß dann Schreiben, solches „Flirren“ der Akteure unbedingt zu vermeiden?!

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    1. texte-jon sagt:

      Charakterdetails muss man sich eigentlich nicht „merken“, macht man in wahren Leben ja auch nicht. Tatsächlich verinnerlicht man eher ein Gesamtbild – das kann anfangs noch locker oder verschwommen sind sein, wird mit dem Grad der Bekanntschaft aber immer intensiver und klarer.

      Das ungefähr sollte auch beim Lesen passieren, wobei es durchaus sein darf (manchmal sogar sein muss), dass eine Figur zu einer Sache A sagt, zu einer sehr ähnlichen aber B. Bei verschiedenen Situationen darf sie sogar zu ein und der selben Sache Unterschiedliches sagen. Es muss nur zum Rest passen.
      Beispiele: Wer generell keine eigene Meinung hat, für den ist das typisch. Wer vor jemandem kuscht oder wer sich einschleimen will, der verbiegt sich so. Oder wer gar nicht merkt, dass er eigentlich über die gleiche Sache redet wie vorhin (gibt es ja auch), der kann auch mal verschiedene Ansichten äußern.
      Wichtig bei all dem ist, dass der Leser merkt, woher die Diskrepanz kommt. Das Gesamtpaket muss glaubhaft sein.

      Am häufigsten treten meiner Erfahrung nach auch gar nicht Diskrepanzen der Art „mal sagt er/sie das, dann das“ auf, sondern falsche Reaktionen und Handlungen. Das geht oft einher mit dem Ansagen von Charaktereigenschaften. Das steht dann z. B. im Text „Eli war schon immer schüchtern gewesen.“ und wenig später flirtet sie mit einem Typen, dass es eine wahre Pracht ist.

      PS: „Arbeit“ war/ist das Charakterbauen für mich seltsamerweise nie. Wohl, weil ich nicht baue, ich sehe die Figuren in der Regel von Anfang an vor mir – mal schon genauer, mal weniger detailliert. Was etwas Aufwand sein kann, bei Bedarf die konkreten Hintergrundfakten zu basteln, die diesen Charakter erklären (wobei er zugleich „stabiler“ wird). Aber oft passiert auch das eher wie von selbst …

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      1. Dem kann ich nur zustimmen.
        Auch mir fällt der Charakterbau recht leicht: Ich habe meist schon sehr konkrete Ideen, die sich während der Plotarbeit entwickeln. Schwierigere Fragen, wie „Was ist sein/ihr größter Wunsch?“ muss man ja nicht unbedingt beantworten oder (so geht es mir oft) fallen mir dann mit der Zeit ein, ohne dass ich konkret darüber nachgrübel. Da geschieht auch viel nebenbei oder unterbewusst.

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    2. Bei der Beantwortung dieser Fragebögen geht es meist nicht darum, diese ganzen Informationen auch in den Text einfließen zu lassen. Viele nutzen diese detaillierten Fragen, um sich von ihrem Charakter ein genaues Bild zu schaffen, um dann besser über diese Figur schreiben bzw. sich besser in sie hineinversetzen zu können. Für den Leser sind diese Informationen größtenteils überflüssig und meistens erfährt er sie auch gar nicht.

      Was dieses „Flirren“ betrifft: Wenn ein Charakter sich widersprüchlich äußert, kann das entweder gewollt sein oder nicht. Letzteres wäre eine inkonsequente Darstellung des Charakters und sollte wohl vermieden werden. Sich konkret Gedanken zu den Einstellungen der Figur zu machen, hilft sicherlich, solche Widersprüche zu vermeiden. Ist die Widersprüchlichkeit gewollt, ist das natürlich etwas anderes.

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